Vier Tage arbeiten, drei Tage frei, bei gleichem Gehalt: Für viele Beschäftigte klingt das nach einem Traum, für viele Unternehmer nach einem Risiko. Doch immer mehr Mittelständler probieren die Vier-Tage-Woche aus, oft aus einem ganz praktischen Grund: Sie suchen Fachkräfte und wollen ihre Teams halten. In diesem Beitrag erfährst du, welche Modelle es gibt, was Pilotprojekte gezeigt haben, welche Erfahrungen Unternehmen gemacht haben und wie du die Einführung strukturiert angehst.
Inhaltsverzeichnis
Was bedeutet Vier-Tage-Woche?
Unter dem Begriff Vier-Tage-Woche werden unterschiedliche Arbeitszeitmodelle zusammengefasst. Gemeinsam ist ihnen, dass Beschäftigte regulär nur an vier Tagen pro Woche arbeiten. Wie viele Stunden das sind und ob das Gehalt gleich bleibt, unterscheidet sich jedoch stark.
Wichtig ist, die Modelle sauber auseinanderzuhalten. Viele Diskussionen scheitern daran, dass jeder etwas anderes darunter versteht.
Die drei gängigen Modelle
- Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn (100-80-100): 100 Prozent Gehalt für 80 Prozent der Zeit bei 100 Prozent Leistung. Das ist das Modell der meisten Pilotstudien.
- Verdichtete Arbeitszeit: Die bisherige Wochenarbeitszeit wird auf vier längere Tage verteilt, etwa viermal zehn Stunden.
- Vier-Tage-Teilzeit: Weniger Stunden bei entsprechend geringerem Gehalt, individuell vereinbart.
Daneben gibt es Mischformen, etwa eine Vier-Tage-Woche nur im Sommer oder rollierende freie Tage im Team.
Was die deutsche Pilotstudie gezeigt hat
2024 testeten rund 45 deutsche Unternehmen und Organisationen ein halbes Jahr lang die Vier-Tage-Woche. Die wissenschaftliche Begleitung übernahm unter anderem die Universität Münster. Die zentralen Ergebnisse:
- Rund drei Viertel der teilnehmenden Unternehmen wollten das Modell nach der Testphase fortführen oder weiter erproben.
- Beschäftigte berichteten von weniger Stress und besserer Erholung.
- Die Produktivität blieb nach Einschätzung der Unternehmen überwiegend stabil.
- Viele Betriebe nutzten die Umstellung, um Meetings, Abläufe und Prioritäten zu überprüfen.
Allerdings nahmen vor allem Unternehmen teil, die dem Thema ohnehin offen gegenüberstanden. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht eins zu eins auf jeden Betrieb übertragen.
Warum Mittelständler die Vier-Tage-Woche testen
Die Motive sind meist sehr konkret:
- Fachkräftegewinnung: Stellenanzeigen mit Vier-Tage-Woche erhalten deutlich mehr Bewerbungen.
- Mitarbeiterbindung: Wer drei freie Tage hat, wechselt seltener.
- Gesundheit: Weniger Überlastung und geringere Fehlzeiten.
- Arbeitgebermarke: Ein klares Signal für moderne Arbeitskultur.
Gerade in Branchen mit akutem Personalmangel wird die Vier-Tage-Woche zum Wettbewerbsvorteil. Welche Branchen besonders betroffen sind, zeigt unser Beitrag zum Fachkräftemangel.
Erfahrungen aus dem Handwerk
Besonders viele Erfahrungsberichte stammen aus dem Handwerk. Betriebe in Bau, Elektro oder Sanitär arbeiten häufig mit viermal neun oder zehn Stunden. Anfahrtswege zu Baustellen fallen dann nur an vier Tagen an, was Zeit und Kosten spart.
Viele Inhaber berichten, dass sich die Zahl der Bewerbungen nach der Umstellung vervielfacht hat. Gleichzeitig zeigen sich Herausforderungen: Kunden erwarten Erreichbarkeit an fünf Tagen, und lange Arbeitstage sind körperlich anstrengend. Eine rollierende Planung, bei der nicht alle Beschäftigten am selben Tag frei haben, löst das Problem oft.
Erfahrungen aus Büro und Dienstleistung
In Agenturen, Softwarefirmen und Beratungsunternehmen dominiert eher das Modell mit reduzierter Arbeitszeit. Hier liegt der Schlüssel in effizienteren Abläufen:
- Weniger und kürzere Meetings.
- Feste Fokuszeiten ohne Unterbrechungen.
- Klare Prioritäten und Verzicht auf unwichtige Aufgaben.
- Bessere Nutzung digitaler Werkzeuge.
Unternehmen berichten, dass Teams konzentrierter arbeiten. Gleichzeitig steigt der Druck an den vier Arbeitstagen, was nicht alle Beschäftigten als Entlastung empfinden.

Praxisbeispiel: Ein IT-Dienstleister stellt um
Ein IT-Dienstleister mit 35 Beschäftigten führt die Vier-Tage-Woche im Modell 100-80-100 ein. Vorab analysiert das Team, wo Zeit verloren geht: zu viele interne Meetings, ständige Unterbrechungen durch Chatnachrichten und unklare Zuständigkeiten.
Nach sechs Monaten zeigt sich: Die Zahl der abgerechneten Projektstunden ist nahezu konstant, die Krankheitstage sind gesunken, und auf eine ausgeschriebene Stelle gehen mehr als dreimal so viele Bewerbungen ein wie zuvor. Der Kundenservice läuft über ein rollierendes Modell weiterhin an fünf Tagen.
Grenzen der Vier-Tage-Woche
Nicht in jedem Unternehmen lässt sich die Vier-Tage-Woche einfach umsetzen. Typische Grenzen sind:
- Schicht- und Produktionsbetriebe mit festen Maschinenlaufzeiten.
- Kundenservice, der an fünf oder mehr Tagen erreichbar sein muss.
- Pflege und Gesundheit mit Personalschlüsseln und Bereitschaften.
- Einzelhandel mit langen Öffnungszeiten.
Auch hier gibt es Lösungen, etwa rollierende Modelle. Sie erfordern aber eine sorgfältige Planung und oft zusätzliches Personal.
Rechtlicher Rahmen
Das Arbeitszeitgesetz erlaubt eine tägliche Arbeitszeit von bis zu zehn Stunden, wenn im Durchschnitt von sechs Monaten acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden. Eine Verteilung auf viermal zehn Stunden ist damit grundsätzlich zulässig.
Zu beachten sind außerdem:
- Pausen und Ruhezeiten.
- Regelungen in Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen.
- Mitbestimmungsrechte eines Betriebsrats.
- Anpassung von Arbeitsverträgen und Urlaubsansprüchen.
Saubere Zeiterfassung ist dabei unverzichtbar, wie wir im Beitrag zur Arbeitszeiterfassung erläutern.
Urlaub und Feiertage richtig berechnen
Der gesetzliche Urlaubsanspruch richtet sich nach der Zahl der Arbeitstage pro Woche. Bei einer Vier-Tage-Woche sinkt die Zahl der Urlaubstage entsprechend, ohne dass sich die tatsächliche Erholungszeit verkürzt. Aus 30 Urlaubstagen bei fünf Tagen werden 24 Tage bei vier Arbeitstagen.
Fällt ein Feiertag auf den regulär freien Tag, entsteht in der Regel kein Anspruch auf Ausgleich. Lege solche Fragen vorab transparent fest, um Diskussionen zu vermeiden.
Kosten und Produktivität
Beim Modell 100-80-100 steigen rechnerisch die Lohnkosten pro Arbeitsstunde. Ob sich das rechnet, hängt davon ab, ob die Produktivität pro Stunde entsprechend zunimmt und ob Einsparungen an anderer Stelle entstehen:
- Geringere Recruitingkosten durch mehr Bewerbungen.
- Weniger Fluktuation und Einarbeitungsaufwand.
- Geringere Fehlzeiten.
- Niedrigere Energie- und Bürokosten, wenn ein Tag komplett geschlossen bleibt.
Rechne diese Effekte vor der Einführung durch und definiere Kennzahlen, um sie während eines Tests zu messen.

Was Beschäftigte wirklich wollen
Umfragen zeigen seit Jahren ein klares Bild: Eine große Mehrheit der Beschäftigten in Deutschland wünscht sich eine Vier-Tage-Woche. Allerdings sind nur wenige bereit, dafür auf Gehalt zu verzichten. Gleichzeitig möchte ein Teil der Beschäftigten lieber an fünf kürzeren Tagen arbeiten, etwa um Familie und Beruf besser zu vereinbaren.
Frage deshalb dein Team, bevor du ein Modell festlegst. Eine kurze anonyme Umfrage zeigt, welche Varianten gewünscht sind und wo Bedenken bestehen. So vermeidest du, eine Lösung einzuführen, die an den Bedürfnissen vorbeigeht.
Die Rolle der Führungskräfte
Ob die Vier-Tage-Woche gelingt, hängt stark von den Führungskräften ab. Sie müssen Prioritäten setzen, Aufgaben neu verteilen und darauf achten, dass der freie Tag tatsächlich frei bleibt. Wer am freien Tag regelmäßig E-Mails beantwortet, untergräbt das Modell.
- Führe Ergebnisse statt Anwesenheit als Maßstab ein.
- Vereinbare klare Regeln zur Erreichbarkeit.
- Lebe die Vier-Tage-Woche selbst vor.
- Sprich offen über Überlastung und passe Ziele bei Bedarf an.
Viele Unternehmen berichten, dass sich durch die Umstellung auch die Führungskultur verbessert hat, weil Ziele und Erwartungen klarer formuliert werden.
Schritt für Schritt zur Einführung
- Ziele klären: Geht es um Recruiting, Gesundheit oder Produktivität?
- Modell wählen: Arbeitszeitverkürzung, Verdichtung oder Mischform.
- Team einbinden: Gemeinsam Abläufe, Erreichbarkeit und Vertretungen planen.
- Prozesse optimieren: Meetings, Zuständigkeiten und Tools überprüfen.
- Pilotphase starten: Mindestens drei bis sechs Monate testen.
- Messen: Produktivität, Kundenzufriedenheit, Fehlzeiten, Zufriedenheit.
- Entscheiden: Fortführen, anpassen oder beenden.
Kommunikation mit Kunden
Eine der größten Sorgen ist die Erreichbarkeit. Erfahrungen zeigen, dass Kunden Veränderungen meist akzeptieren, wenn sie frühzeitig und klar informiert werden und die Servicequalität stimmt.
- Informiere Kunden über neue Servicezeiten und Ansprechpartner.
- Stelle Notfallkontakte für dringende Anliegen bereit.
- Nutze rollierende Modelle, damit an allen Tagen jemand erreichbar ist.
- Kommuniziere die Vier-Tage-Woche auch als Qualitätsmerkmal.
Typische Fehler bei der Umstellung
- Kein klares Ziel: Ohne Ziel lässt sich der Erfolg nicht messen.
- Arbeit einfach verdichten: Wer nur Stunden streicht, ohne Abläufe zu ändern, überlastet das Team.
- Führungskräfte ausnehmen: Das Modell muss auch an der Spitze gelebt werden.
- Zu kurze Testphase: Effekte zeigen sich oft erst nach einigen Monaten.
- Keine Rückkehroption: Ein Pilot braucht klare Kriterien für Fortsetzung oder Abbruch.
Alternativen zur Vier-Tage-Woche
Nicht für jedes Unternehmen ist die Vier-Tage-Woche der richtige Weg. Ähnliche Effekte lassen sich auch mit anderen Maßnahmen erzielen:
- Flexible Arbeitszeiten und Gleitzeit.
- Mobiles Arbeiten, wo es möglich ist.
- Langzeitkonten für Sabbaticals.
- Individuelle Teilzeitmodelle.
- Freitags verkürzte Arbeitszeit, etwa bis mittags.
Weitere Ideen findest du im Beitrag zur Mitarbeiterbindung ohne Geld.
Fazit: Testen statt grundsätzlich diskutieren
Die Vier-Tage-Woche ist kein Allheilmittel, aber für viele Mittelständler ein wirksames Instrument im Wettbewerb um Fachkräfte. Erfahrungen aus Pilotprojekten und Praxis zeigen, dass sie funktionieren kann, wenn Abläufe angepasst, Ziele klar definiert und das Team eingebunden wird.
Statt lange über Für und Wider zu diskutieren, lohnt sich ein strukturierter Test. Nach einigen Monaten weißt du, ob das Modell zu deinem Unternehmen passt.
FAQ: Häufige Fragen zu Vier-Tage-Woche
Was bedeutet Vier-Tage-Woche genau?
Beschäftigte arbeiten regulär an vier statt fünf Tagen. Je nach Modell bleibt die Wochenarbeitszeit gleich und wird auf längere Tage verteilt, oder sie wird bei gleichem oder angepasstem Gehalt reduziert.
Ist die Vier-Tage-Woche rechtlich erlaubt?
Ja. Das Arbeitszeitgesetz erlaubt bis zu zehn Stunden pro Tag, wenn im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden. Tarifverträge, Betriebsvereinbarungen und Pausenregeln sind zu beachten.
Welche Erfahrungen haben Unternehmen gemacht?
In der deutschen Pilotstudie 2024 wollten rund drei Viertel der Unternehmen das Modell fortführen. Beschäftigte berichteten von weniger Stress, die Produktivität blieb überwiegend stabil.
Wie viele Urlaubstage gibt es bei der Vier-Tage-Woche?
Der Urlaubsanspruch wird an die Zahl der Arbeitstage angepasst. Aus 30 Tagen bei einer Fünf-Tage-Woche werden 24 Tage bei vier Arbeitstagen, die Erholungszeit in Wochen bleibt gleich.
